Terminspekulation auf Nahrungsmittel

April 23, 2008

Auf Spiegel Online wird sich auch heute mit den steigenden Rohstoffpreisen beschäftigt. Die Spiegel-Experten haben auch die ultimativen Schuldigen für teure Nahrungsmittel gefunden: Terminspekulanten. Es ist zu bezweifeln, dass die Experten von der Bild Spiegel Online diese Art von Geschäft überhaupt durchschauen.

Wie funktioniert ein Termingeschäft (ohne Spekulanten)?

Eine Marktseite (z.B. ein Agrarunternehmen) verpflichtet sich zu einem Zeitpunkt (z.b. 01. Oktober 2008 ) in der Zukunft zu einer festgelegten Summe (z.B. 1000 Euro) eine bestimmte Menge eines Erzeugnisses (z.B. eine Tonne Weizen) zu liefern.

Auf der anderen Marktseite sind die Leute, die sich verpflichten die Tonne Weizen am ersten Oktober für 1000 Euro zu übernehmen. Das sind z.B. Lebensmittelkonzerne oder Großhändler. Gehandelt werden solche Kontrakte an der Börse oder außerbörslich.

Schön – und was soll das?

Die Käufer wissen, dass wieviel sie bezahlen müssen, um am Liefertermin die gewünschte Ware zu bekommen. Falls die Preise für Weizen stark ansteigt, kann es ihnen egal sein, da sie genau 1000 Euro bezahlen.

Die Verkäufer sichern sich gegen fallende Preise (z.B. bei einer guten Ernte) ab. Fällt der Weizenpreis um 50 Euro, dann können sie sich freuen, da sie , wie vereinbart, ihre 1000 Euro bekommen werden.

Außerdem können beide Parteien ihre Verpflichtungen auch an der Börse weiterverkaufen. Will der Käufer im Sommer lieber eine Tonne Mais haben, dann verkauft er seine Abnahmeverpflichtung. Statt dessen kauft er eine Abnahmeverpflichtung für eine Tonne Mais.

Die Spekulanten kommen!

Ein Spekulant am Terminmarkt kauft und verkauft Kaufkontrakte für aberwitzige Mengen an Agrarrohstoffen. Er wettet darauf, dass sich die Preise der Rohstoffe in die, von ihm prognostizierte Richtung bewegen. Er kauft zum Beispiel heute einen Weizenkontrakt und verkauft ihn morgen wieder mit Gewinn. Wenn er sich irrt, dann macht er Verlust.

Weil die Preise für börsengehandelte Nahrungsmittel ständig steigen, haben sich viele Spekulanten dazu entschlossen darauf zu wetten, dass sie das auch weiter tun. Sie kaufen Kaufkontrakte. Da sie eine Menge Geld in den Markt pumpen, steigen die Preise für solche Kontrakte an.

Irgendwann müssen die Spekulanten ihre Kontrakte wieder verkaufen, da sie die zu Grunde liegenden Güter gar nicht haben wollen. Sie müssen jemanden finden, der tatsächlich Weizen, Mais etc. braucht. Der verhandelte Preis, ist dann wieder abhängig vom Marktpreis für diese Güter zum Lieferzeitpunkt, da die Spekluanten gezwungen sind die Kontrakte loszuwerden. Wer will schon tonnenweise Schweinefleisch oder Thunfisch in seinem Büro lagern?

Kommentar

Es ist zu bezweifeln, dass Spekulanten den Marktpreis für Lebensmittel langfristig beeinflussen können. Es mag sein, dass sie kurzfristig Marktbewegungen auslösen. Langfristig bestimmt den Preis die Nachfrage nach dem physischen Gut, welches den jeweiligen Kontrakten zu Grunde liegt.

Terminspekulation, egal an welchem Markt, ist keine Lizenz zum Geld drucken. Spätestens bei der nächsten Marktkorrektur werden das einige Spekulanten zu spüren bekommen. Man erinnere sich an die schönen Börsenjahre bis 2000 am neuen Markt (auch ich hatte viele tolle Sachen im Depot) und an die harte Landung danach.

Der Begriff „Spekulant“ ist in Deutschland ziemlich negativ besetzt. Die meisten Leute vergessen, dass das Halten von Fondsanteilen, Aktien,, Sparbriefen und Lebensversicherungen etc. ebenfalls als Spekulation bezeichnet werden könnte, da der Eigner darauf wettet, dass ihm seine Ersparnisse eine positive Rendite bescheren.

Die Ursachen für die langfristig ansteigenden Nahrungsmittelpreise sind eher im Bereich der Realwirtschaft zu suchen. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt stärker an als die Produktion. Solch eine Entwicklung führt üblicherweise zu steigenden Preisen. Kurzsichtige nationale Politikmaßnahmen wirken zusätzlich kontraproduktiv.

Für die ganz skrupellosen Spekulanten: Wer jetzt noch nicht investiert ist, der sollte es lassen. Der richtige Zeitpunkt wurde verpasst.


limabravo


Meinung: Lebensmittelpreise, Hunger und der Westen

April 16, 2008

Obwohl der Trend schon eine ganze Weile zu beobachten ist, fiel es am letzten Wochenende der deutschen Presse vermehrt auf, dass wohl einige Menschen auf der Erde ein Problem mit der ausreichenden Ernährung haben. Man munkelt sogar, dass sich das Problem in der nächsten Zeit verschärfen wird, da die Preise für diverse Agrarerzeugnisse gestiegen sind und vieles dafür spricht, dass dies auch so bleibt. Auslöser der Debatte war wohl der Global Monitoring Report 2008 von der Weltbank.

Das wohl deshalb, zumindest nach meinen Beobachtungen, mal wieder auch über die Entwicklungsländer diskutiert wird, die uns nicht mit mit giftigen Kinderspielzeug eindecken, finde ich gut.

Auf den ersten Blick ist auch die Reaktion der abendländischen Politik sehr nobel. Die Amis lassen 200 Mio. US-Dollar kurzfristig für das World Food Program springen und die liebe Frau Wieczoreck-Zeul macht aus ihrem bescheidenen Etat auch noch ein paar Millionen locker. Gratis gibts auch in paar gute Tips wie die Hungerleider in Zukunft besser wirtschaften sollten.

Was passiert eigentlich normalerweise, wenn man, wie geplant mit 500 Mio US-Dollar an einen Markt einkaufen geht? Großhandelsrabatt? Steigende Preise?

Wo landet eigentlich das Geld, wenn es ausgegeben ist? Bekommen es die sympathischen Kleinbauern in Somalia oder vielleicht doch eher jemand anders, der in der Lage ist das Futter in der geforderten Menge zu besorgen und in die 3./4. Welt zu verschiffen?

Gut, dass die Kohle nicht ganz verloren ist.

Das kann natürlich keine langfristige Strategie sein, deshalb hat Frau Wieczoreck-Zeul auch ein paar gute Ratschläge parat: z.B. eine ordentliche Zertifizierung, falls die Jungs im Süden auf die Idee kommen unseren guten Biosprit zu kopieren. Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass das deutsche Reinheitsgebot wichtiger als das Kriegsvölkerrecht ist. Ein ordentliches Consulting von Fachleuten ist natürlich auch wichtig.

Nun mal ernsthaft:

Sowohl die die EU als auch die USA leisten sich einen vollkommen überflüssigen Agrarprotektionismus. Im Falle der EU kommt noch eine teuere Umverteilungsbürokratie hinzu. Es erscheint geradezu unglaublich, dass bis vor kurzem die Stillegung von Landwirtschaftsflächen subventioniert wurde.

Das viele Entwicklungsländer nicht über einen effizienten Agrarsektor verfügen, hängt auch damit zusammen, dass die Erzeugnisse, auf Grund von Einfuhrzöllen, nicht gewinnbringend exportiert werden können. Dazu kommt, dass Agrarexporte, z.B. aus der EU, über Jahre subventioniert wurden.

Sicherlich trägt der Westen nicht die alleinige Verantwortung für alles Elend auf der Welt, jedoch hat man in der Vergangenheit nicht unbedingt Politik im Sinne der 3./4. Welt betrieben. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es, gleiche Spielregeln und Marktzugangschancen für alle Wettbewerber zu schaffen. Wenn wir schon Forderungen an die Entwicklungsländer stellen, dann sollten wir vorher unsere Hausaufgaben machen.

limabravo

P.S.: Wie lange dauert eigentlich das Scheitern einer zünftigen Doha-Runde?